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Drei Kontinente, ein Schicksal Hubert Winnischhofer

von Thomas Winnischhofer

1945 war ein Ende mit Schrecken. Europa lag in Schutt und Asche, Abermillionen Flüchtlinge und befreite Deportierte irrten hungernd und traumatisiert quer über den Kontinent, um irgendwie nach Hause zu gelangen, sofern sie noch eines hatten.[i] In Südtirol ging mit der Kapitulation des Dritten Reichs am 2. Mai aber nicht nur der Krieg, sondern eine seit über zwanzig Jahren andauernden Agonie zu Ende, die 1922 mit der Machtübernahme der Faschisten begonnen und 1943 mit dem Einmarsch deutscher Truppen ihren tragischen Höhepunkt erreicht hatte. In dieser Zeit hat Hubert Winnischhofer die ersten 25 Jahre seines Lebens verbracht.     

Hubert erblickte am 3. Oktober 1921 das Licht der Welt. Sein Vater Robert Winnischhofer, einer der letzten Spengler und Glaser von Auer, stammte aus Meran und war kurz vor dem Ersten Weltkrieg ins Unterland gekommen, um im Betrieb der Witwe Kreszenz Pramstrahler zu arbeiten. Später übernahm er zusätzlich ein Geschäft für Haushaltsartikel und eröffnete 1928 mit seiner Frau Kreszenz Waldthaler eine Tankstelle – die erste zwischen Bozen und Trient.

Hubert (links) mit seinen Geschwistern

Hubert hatte zwei Brüder und eine Halbschwester. Der Älteste, Robert, besuchte das Johanneum in Dorf Tirol, wo der Unterricht trotz Italienisierung in deutscher Sprache stattfand.[ii] Doch die Privatschule war teuer und das Geld reichte nur für einen Sohn. Die Ausläufer der Weltwirtschaftskrise von 1929 machten damals vielen Südtiroler Familien das Leben schwer, Betriebe gingen in Konkurs, es kam zu einem „Ausverkauf der Bauernhöfe“[iii], Dinge des alltäglichen Gebrauchs wurden zum Luxusgut. Umso stolzer war Hubert, als er sich nach Abschluss der Schusterlehre von seinem Lohn ein eigenes Fahrrad leisten konnte.

1939 optierten die Winnischhofers für Deutschland, wanderten aber, wie viele andere, niemals aus. Sie erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft und Hubert wurde für eine Einheit der Gebirgsjäger rekrutiert. Südtiroler Burschen wurden damals oft in die Berge geschickt, denn Zweisprachigkeit, Skifahren und Klettern waren an der Gebirgsfront gefragte Fähigkeiten.[iv] Doch der Drill bei der Spezialeinheit der „Brandenburger“ war Hubert zu viel: Er wechselte zur Infanterie und kam über Bayern und Frankreich 1941 an die Ostfront. Dort kundschaftete er mit dem Fahrrad feindliche Stellungen aus und meldete diese dann dem verantwortlichen Offizier. Der Vormarsch feierte rasche Erfolge, doch der Wintereinbruch war gnadenlos. Hubert holte sich schwerste Erfrierungen und kam ins Lazarett. Um der Kälte zu entkommen, meldete er sich nach seiner Genesung für den Afrikaeinsatz, wo er unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel kämpfte.

Hubert Winnischhofer

Als die deutschen Soldaten 1943 in Tunesien kapitulierten kam Hubert in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Auf einem Frachter ging‘s über den Atlantik und New York nach Mississippi, ins Gefangenenlager „Camp Shelby“. Insgesamt waren in jenen Jahren über 371.000 deutsche Kriegsgefangene in den USA interniert.[v] Hubert erhielt eine Uniform mit der Ausschrift „PW“ (prisoner of war: Kriegsgefangener) und wurde zur Baumwoll- und Erdnussernte eingesetzt. Die Lebensbedingungen waren nicht schlecht, seiner Familie berichtete er im Nachhinein von reichlich Fleisch und Schokolade.

Einmal kam sogar der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann ins Lager, um für die Soldaten eine Lesung abzuhalten.

Den deutschen Gefangenen erging es zum Teil besser als den afroamerikanischen Soldaten, die für ihre Überwachung zuständig waren.[vi]

In der Zwischenzeit besetzten am 8. September 1943 deutsche Truppen Südtirol und erklärten es mit Trient und Belluno zur „Operationszone Alpenvorland“. In der darauffolgenden Nacht kam es in Auer zu einer Schießerei zwischen deutschem Militär und dem 6. Alpiniregiment, welches im Braitohaus im Bildstöcklweg stationiert war. Beide Seiten hatten Tote zu beklagen.[vii] Naziterror, Einberufung der Nichtoptanten und Folter standen von nun an auf der Tagesordnung, ganz zu schweigen vom Grauen des Bozner Durchgangslagers, von wo aus mindestens sieben Häftlingstransporte u. a. nach Mauthausen und Auschwitz abfuhren. Südtirol wurde zum Ziel alliierter Bombenangriffe und die Nähe Auers zur Brennerbahn führte dazu, dass das Dorf um die hundert Mal bombardiert wurde und den Beinamen „Hölle des Unterlandes“ erhielt.[viii] Gegen das Naziregime und das faschistischen Überbleibsel Repubblica Sociale Italiana regte sich bald Widerstand. Zwar war dieser nicht so zahlenstark wie im restlichen Italien, dennoch wäre ein demokratischer Wiederaufbau Südtirols nach 1945 ohne den Comitato di Liberazione Nazionale und den Andreas-Hofer-Bund nur schwer möglich gewesen.[ix]        

Währenddessen saß Hubert noch in Gefangenschaft. 1946 überlieferten ihn die USA an England, wo er in Schottland ein Jahr lang in einem Kohlebergwerk arbeitete. Anschließend wurde er in die englische Besatzungszone nach Kärnten entlassen, von dort überquerte er schwarz die Grenze und kam nach sieben Jahren Krieg und Gefangenschaft endlich wieder zu Hause in Auer an. Noch in PW-Uniform machte er sich auf die Suche nach seinem hartverdienten Fahrrad, aber seine Mutter hatte es während des Krieges verkaufen müssen, um damit Lebensmittel zu bezahlen. Hubert Winnischhofer ist den Aurerinnen und Aurern als Schuster und Besitzer eines Schuhgeschäfts in Erinnerung, welches er mit seiner Frau Martha Glöggl betrieben hat. Mit ihr bekam er zwei Kinder, Herbert und Edith. Sein ereignisreiches Leben, verbracht auf drei Kontinenten, ist 1994 friedlich zu Ende gegangen

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Fußnoten

[i] Rebecca Boehling, Susanne Urban, René Bienert (ed.), Freilegungen: Displaced Persons – Leben im Transit. Überlebende zwischen Repatriierung, Rehabilitation und Neuanfang, Wallstein Verlag, Göttingen 2014.

[ii] Gottfried Solderer (ed.), Das 20. Jahrhundert in Südtirol, Vol. 2, Edition Raetia, Bozen 1999, 77-80.

[iii] Ibidem, 143.

[iv] Thomas Casagrande, Südtiroler in der Waffen-SS. Vorbildliche Haltung, fanatische Überzeugung, Edition Raetia, Bozen 2016, 64.

[v] Matthias Reiß, „Die Schwarzen waren unsere Freunde“. Deutsche Kriegsgefangene in der amerikanischen Gesellschaft 1942-1946, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002, 11.

[vi] Idem.

[vii] Josef Fontana, Das Südtiroler Unterland, Verlagsanstalt Athesia, Bozen 1980, 248.

[viii] Heinrich Lona, Auer im Südtiroler Unterland, Verkehrsverein Auer, Trient 1977, 188-189.

[ix] Solderer, Südtirol, op. cit., Vol. 3, 49.

Bibliografie

Boehling, Rebecca/Urban, Susanne/Bienert, René (ed.), Freilegungen: Displaced Persons – Leben im Transit. Überlebende zwischen Repatriierung, Rehabilitation und Neuanfang, Wallstein Verlag, Göttingen 2014.

Casagrande, Thomas, Südtiroler in der Waffen-SS. Vorbildliche Haltung, fanatische Überzeugung, Edition Raetia, Bozen 2016.

Di Michele, Andrea/Taiani, Rodolfo (ed.), La Zona d’operazioni delle Prealpi nella seconda guerra mondiale, Fondazione Museo Storico del Trentino, Trient 2009.

Fontana, Josef, Das Südtiroler Unterland, Verlagsanstalt Athesia, Bozen 1980.

Krammer, Arnold, Die internierten Deutschen. „Feindliche Ausländer“ in den USA 1941–1947. Universitas Verlag, Tübingen 1998.

Lona, Heinrich, Auer im Südtiroler Unterland, Verkehrsverein Auer, Trient 1977.

Reiß, Matthias, „Die Schwarzen waren unsere Freunde“. Deutsche Kriegsgefangene in der amerikanischen Gesellschaft 1942-1946, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002.

Schlauch, Wolfgang, In amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Berichte deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, Baier Verlag, Crailsheim 2003.

Solderer, Gottfried (ed.), Das 20. Jahrhundert in Südtirol, 4 Voll., Edition Raetia, Bozen 1999.

Steinacher, Gerald (ed.), Südtirol im Dritten Reich. NS-Herrschaft im Norden Italiens 1943–1945, Studienverlag, Innsbruck 2003.

Steurer, Leopold/Verdorfer, Martha/Pichler, Walter, Verfolgt, Verfemt, Vergessen. Lebensgeschichtliche Erinnerungen an den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Krieg Südtirol 1943–1945, Edition Sturzflüge, Bozen 1993.

Wedekind, Michael, Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945, Oldenbourg, München 2003.

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