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Ein besonderer Mensch, weil wir alle besondere Menschen sind Antonia Bertoluzza

von Donatella Vivian

Viele Aurerinnen und Aurer haben sicherlich noch jene ältere Dame im Kopf, die einst mit ihrem alten Moped durch die Straßen brauste und sich dabei nicht immer an die Verkehrsregeln hielt. Die Frau hieß Antonia Bertoluzza, eine pensionierte Lehrerin, die im Laufe ihres Lebens an verschiedenen Schulen unterrichtet hat, ehe sie sich in ihr Haus mitsamt großem Garten zurückzog. Dort lebte sie allein und eigenständig, nur das Kochen bereitete ihr Probleme, denn angeblich sei sie darin nicht allzu begabt gewesen. Man traf sie deshalb mittags oft im Restaurant „Turmwirt“: niemals verschmähte sie deftige Speisen und ein gutes Glas Wein. Selbst wenn sie zu Hause Kaffee zubereitete, kam dabei ein extrem schwarzes, starkes und dickflüssiges Getränk heraus. Sie hatte eine Leidenschaft für alte und antike Dinge und ihre Sammlung von Zelluloidpuppen war im ganzen Dorf bekannt. Mehrmals begleitete ich sie auf den Flohmarkt von Neumarkt. Ich erinnere mich daran, dass sie dort einmal böhmische Gläser und einen alten klapprigen Tisch gekauft hat. Sie war stolz auf ihre Schmuckstücke, führte sie gern vor und gab dabei die eine oder andere Geschichte zum Besten.

Antonia hatte viel zu erzählen und ich möchte ihre Erinnerungen festhalten. Die Suche nach Gesellschaft führte sie an manchen Abenden zu mir. Bei einem Glas Wein berichtete sie dann aus ihrem Leben, wobei ihr besonders die Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend am Herzen lagen. Geboren wurde sie am 15. März 1918 in Innsbruck, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs. Ihr Vater war womöglich ein Unterführer der k.u.k. Armee. Antonias Kindheit war heiter, denn ihre Tanten umsorgten sie aufmerksam. Insbesondere Tante Alice war ihr zugetan. Von ihr lernte sie das Stricken und Sticken. Auch ihre Großmutter, eine Hebamme, hatte sie sehr gern.

Antonia und ihre Mutter

Während Antonia in dieser dörflichen Umgebung aufwuchs, war ihre Mutter Stefania Bertoluzza meilenweit entfernt. Den Grund dafür kennen wir nicht, es könnte aber sein, dass sie Schwierigkeiten mit ihrem Status als Alleinerziehende hatte. Sie lebte in Montevago Agrigento auf Sizilien, wo sie als Haushälterin bei einer reichen bürgerlichen Familie untergekommen war. Die kleine Antonia besuchte in Auer bereits die Grundschule, als ihre Mutter plötzlich hier auftauchte, um sie mit einer List zu „entführen“: weder die Großmutter noch die Tanten hatte sie über ihr Vorhaben in Kenntnis gesetzt. Und so kam Antonia ans anderen Ende Italiens, in das große Haus auf Sizilien, wo sie einem vollkommen unbekannten Dialekt begegnete. Aber nicht nur die Sprache war neu: die Menschen, ihre Gewohnheiten, das Essen – nichts war so, wie sie es von klein auf kannte. Sie biss die Zähne zusammen, lernte Schritt für Schritt das Sizilianische und passte sich an die neuen Lebensumstände an.

Im Alter erinnerte sie sich dann gern an die kulinarischen Köstlichkeiten ihrer zweiten Heimat, an den Geruch von Pasta mit Sardellen und wildem Fenchel, an die typische Cassata und das leckere Weißbrot.

Als Jugendliche besuchte sie die Lehrerbildungsanstalt, denn sie wollte Grundschullehrerin werden. Die Zeiten waren turbulent, schließlich sprechen wir von den ausgehenden 1930er-Jahren. Ein Krieg bahnte sich an, Hitler und Mussolini hatten die sogenannte Achse besiegelt und Europa stand ein grausames Schicksal bevor. Nachdem Antonia volljährig geworden war und die Matura ablegt hatte, war sie unentschlossen, ob sie bei ihrer Mutter auf Sizilien bleiben oder nach Südtirol zurückkehren sollte. Ihre Sehnsucht war nach wie vor groß, obwohl sie schon seit vielen Jahren nicht mehr in Auer lebte. So fällte sie die Entscheidung, die Insel zu verlassen und in ihre alte Heimat zurückzukehren. Sie packte die Koffer und machte sich auf die beschwerliche Reise, die sie über mehrere Tage und Städte in den Norden des Landes brachte. Doch bei ihrer Ankunft erwartete sie eine unbekannte Welt: die Großmutter war nicht mehr am Leben und ihre Spielkameraden aus Kindertagen waren mittlerweile erwachsen. Ihr Deutsch hatte stark nachgelassen und sie fühlte sich fremd. Was sollte sie mit ihrem Leben anfangen?

Antonia Bertoluzza

Die Option von 1939 präsentierte sich in diesem Kontext wie eine Chance, um dieser scheinbar ausweglosen Situation zu entfliehen. Antonia zog nach Innsbruck, wo sie ihre Deutschkenntnisse auffrischte und einen weiteren Schulabschluss absolvierte. Als sie nach dem Krieg nach Südtirol zurückkehrte, ermöglichte ihr dieses zweite Diplom das Unterrichten in einer deutschsprachigen Grundschule. Nach zwanzigjähriger faschistischer Unterdrückung und zweijähriger nationalsozialistischer Vereinnahmung, wurde im Oktober 1945, dank langwieriger Verhandlungen mit der Regierung in Rom, das erste Volksschuldekret erlassen, das den Neustart deutschsprachiger Grundschulen in Südtirol einleitete. Das Unterland war von diesem Dekret ausgeschlossen, da der südliche Teil des Landes damals noch zur Provinz Trient gehörte. Aber der Trentiner Schulamtsleiter Giovanni Gozzer sprach sich mit den Alliierten ab und entschied, dass den deutschsprachigen Schulkindern des Unterlandes ebenso der Unterricht in ihrer Muttersprache zustand.[1] Antonia war von 1946 bis 1978 als Lehrerin tätig, unter anderem in Holen bei Aldein, in Kaltenbrunn und Auer.

Antonia Bertoluzza

Ihre letzten Tage hat sie im Seniorenheim von Auer verbracht. Im Oktober 2006 brachte ich ihr einen sizilianischen Cannolo, den sie genüsslich und mit geschlossenen Augen aß, ein Lächeln auf den Lippen. Ich bin mir sicher, dass sie in diesem Moment im Geiste wieder auf Sizilien war. Sie starb am 25. Oktober 2006 in Auer.

Einige Menschen stießen sich an ihrer Ausdrucksweise. Sie wirkte manchmal kategorisch, streng, direkt, aber ihr Leben war von vielen einschneidenden Ereignissen geprägt gewesen und sie hatte viele Jahre allein verbracht. Trotz ihres manchmal kantigen Charakters, war sie eine wunderbare Lehrerin, die den Schulkindern den Weg in die Welt aufzuzeigen vermochte. Und genau so möchte ich sie in Erinnerung behalten.

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Fußnoten

[1] Gottfried Solderer (ed.), Südtirol im 20. Jahrhundert, vol. 3, Edition Raetia, Bozen 2001, 226.

Bibliografie

Seberich, Rainer, Südtiroler Schulgeschichte, Edition Raetia, Bozen 2000.

Solderer, Gottfried (ed.), Südtirol im 20. Jahrhundert, vol. 3, Edition Raetia, Bozen 2001.

Verra, Roland, Die Entwicklung der drei Schulmodelle in Südtirol seit 1945, in: „Ladinia“, XXXII, 2008, 223–260.

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