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Den Frieden richten Hansjörg Steinkeller

von Donatella Vivian

Als ich Hansjörg Steinkeller 2016 kennenlernte, war er bereits 92 Jahre alt. Er strahlte Ruhe und Weisheit aus, trat in Gesprächen selbstbewusst auf und wirkte niemals hochmütig. Trotz seines hohen Alters, hatte er ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Sein lebhafter Blick zeigte Interesse und Neugierde. Er selbst hielt sich zwar für keine besonders interessante Person, aber seit seiner Kindheit hatte er stets Standhaftigkeit und Mut bewiesen, wenn es darum ging, für seine Ideen einzustehen.

Familie Steinkeller. Hansjörg ist der kleinste.

Hansjörg Steinkeller erblickte am 14. Juli 1924 in Auer das Licht der Welt, als Letztgeborener von drei Brüdern und drei Schwestern. Die Bozner Gutsbesitzerfamilie Steinkeller hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert den Aufschwung im Obstanbau im südlichen Tirol für sich genutzt und einen gut funktionierenden Obstgroßhandel aufgebaut. Dieser überstand auch die durch den Ersten Weltkrieg bedingten Einbußen. Die feineren Obstsorten fanden guten Absatz. Besonders die Sorte Wintercalville war so gefragt, dass die Äpfel einzeln in Seidenpapier verpackt in den Handel kamen und sogar bis an den Russischen Zarenhof verschickt wurden.[1] Gründer des Obstgroßhandels war Anton Steinkeller gewesen, der Großvater von Hansjörg. Dem jungen Steinkeller war eine Kindheit in privilegierten Verhältnissen beschieden. In Auer zählte seine Familie unter anderem den historischen Happacherhof zu ihren Besitztümern (Theodor Steinkeller, Hansjörgs Vater, hatte den Hof 1911 erstanden), dessen Ursprünge sogar bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückgehen.[2] Doch bald zogen Wolken am Horizont auf: der Vater starb, als Hansjörg zehn Jahre alt war. Nun musste die Mutter den Obsthandel alleine stemmen. Sie wagte einige Investitionen, doch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 setzten dem Unternehmen zu, sodass der Happacherhof 1938 zwangsversteigert werden musste.[3] Die Familie gab ihr Zuhause auf, aber nicht den Obsthandel, und zog in die Wasserfallstraße Nr. 2, um dort ein neues Leben zu beginnen.  

Hansjörg Steinkeller war ein begabter Schüler: in nur vier Jahren war er mit der Grundschule durch, später besuchte er das Rainerum und das Franziskaner-Gymnasium in Bozen. Die Maturaprüfung legte er zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Verona ab, und zwar im Anzug seines Bruders, der ihm zwei Nummern zu groß war. Die Jahre seiner Kindheit und Jugend waren vom Faschismus geprägt, der, wie alle Diktaturen, jeden Lebensbereich der Bürger durchdrang, wobei es in seinem Fall weniger um die erzwungene Italianisierung ging, sondern vor allem um die Option von 1939, mit all ihren schwerwiegenden Konsequenzen für den sozialen Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft. Hansjörg Steinkeller und seine Familie wollten hierbleiben, in Auer, wo sie geboren und aufgewachsen waren. Ihre Entscheidung wurde zwar nicht öffentlich angeprangert, aber sie bekamen dennoch eine latente Feindseligkeit und eine nicht immer unverhohlene Missbilligung ihrer Position zu spüren.

1944 wurde Hansjörg Steinkeller mit 20 Jahren für Nazideutschland einberufen. Zunächst war er in Schlanders stationiert, dann in Roncegno in der Valsugana. Gemeinsam mit drei Kameraden gelang ihm die Flucht. Er desertierte und versteckte sich bei seiner Mutter im Trentino, genauer gesagt in Stava. Nach Kriegsende wurde er als ehemaliger Wehrmachtsoldat von den Alliierten für mehrere Monate in Taranto inhaftiert. Aber selbst von hier konnte er erfolgreich entkommen. Mit behelfsmäßigen Mitteln erreichte er endlich Auer: Ein Leben in Frieden konnte beginnen.

Steinkeller ging seiner Leidenschaft nach und studierte Jura in Padua und Florenz. Auf der einen Seite träumte er davon, Anwalt zu werden, aber auf der anderen Seite fühlte er sich seinen Brüdern und dem Familienunternehmen gegenüber verpflichtet. 1951 übernahmen die Steinkellers das Obstmagazin ESPEN in der Nähe des Bahnhofs. Sie bauten ein modernes Kühlhaus hinzu und vermarkteten viele Jahre lang einen Großteil des Aurer Obstes.[4] 1959 heiratete Hansjörg seine Frau Christl, mit der er vier Kinder bekam. Er war für die Obstlager in Auer, Branzoll, Salurn, Tramin und Mezzocorona verantwortlich und entpuppte sich als tüchtiger Geschäftsmann – seine ausgezeichneten Italienischkenntnisse kamen ihm dabei sehr zugute. Allerdings sollte der Erfolg nicht von Dauer sein, denn aufgrund der Subventionen und erheblichen Steuererleichterungen seitens der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) zur Förderung der Obstgenossenschaften, büßte die private Obsthandelsfirma der Steinkeller nach und nach ihre Rentabilität ein. 1979 wurde das letzte Lagerhaus geschlossen.  

Hansjörg Steinkeller war im Dorf ein hochangesehener Mann, nicht nur aufgrund seiner Fähigkeiten im Obsthandel, sondern auch wegen der institutionellen Funktionen, die er innehatte.

So wurde er in den 1960er-Jahren zum Schlichtungsrichter (heute Friedensrichter) ernannt, um Streitigkeiten zwischen Bürgern zu lösen. Nicht minder bedeutend war seine Rolle als Steuerrichter. Wenn jemand in Steuerfragen Einspruch einlegen wollte oder eine Klärung einforderte, war es Steinkellers Aufgabe, die Angelegenheit zu prüfen. Beide Ämter hatte er bis zu seinem 75. Lebensjahr inne, sodass sein eigentlicher Wunsch, Anwalt zu werden, zumindest ansatzweise in Erfüllung ging. Seine Entscheidungen waren stets unparteiisch. Niemals gewährte er Verwandten oder Bekannten in irgendeiner Weise einen Vorteil: Er war ein durch und durch integrer und gerechter Mensch, der sich immer am Gesetz orientierte.

Hansjörg Steinkeller

Hansjörg Steinkeller starb am 3. April 2020. Von zivilgesellschaftlichem Engagement beseelt, wird ihn Auer immer als einen würdigen Menschen in Erinnerung behalten.

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Fußnoten

[1] Steinkeller-Stiftung Bozen (ed.), Viktoria Steinkeller. Ein Vermächtnis für bäuerliche Baukultur, Athesia Verlag, Bozen 2018, 10.

[2] https://ofl-auer.it/happacherhof/kellerei/weine/geschichte-des-happacherhofes [01.12.2021].

[3] Ibidem.

[4] Helmut Zelger, Auer im Südtiroler Unterland, Verschönerungsverein Auer, Auer 2006, 81.

Bibliografie

Steinkeller-Stiftung Bozen (ed.), Viktoria Steinkeller. Ein Vermächtnis für bäuerliche Baukultur, Athesia Verlag, Bozen 2018.

Zelger, Helmut, Auer im Südtiroler Unterland, Verschönerungsverein Auer, Auer 2006.

https://ofl-auer.it/happacherhof/kellerei/weine/geschichte-des-happacherhofes

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