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Die Band „Anonym“ und die 1970er-Jahre Wildes Auer

von Adina Guarnieri

Bob Dylan sang 1964 „The times they are a-changin’“ – Die Zeiten ändern sich. Wie recht er damit hatte, wusste er damals wohl selbst nicht, denn nur vier Jahre später befand sich die Welt in Aufruhr: Die 68er- Revolution hatte begonnen. Diese machte auch vor Südtirol nicht halt, fand hierzulande aber in einem eher mäßigen Ausmaß statt, es ist gar nur von einem „Revolutiönchen“[i] die Rede. Dennoch kam es in jenen Jahren zu weitreichenden Veränderungen, sozial, kulturell sowie politisch. Norbert C. Kaser hielt dem erzkatholischen Südtirol den Spiegel vor, in Bozen öffnete erstmals eine Frauenberatungsstelle (auch Dank der Aktivistin Andreina Emeri), während die Zeitschrift „die brücke“ zur Begegnung zwischen den Sprachgruppen aufrief. Vor allem die „Apartheid“[ii] zwischen Deutschen und Italienern war der Jugend ein Dorn im Auge. 1970 fand in Bruneck Südtirols erstes Open-Air-Festival statt,[iii] schließlich ist eine 68er-Bewegung ohne Musik kaum vorstellbar.

Das war in Auer nicht anders, wo im Herbst 1972 drei knapp Achtzehnjährige im Keller der Familie Zanol zusammenkamen, um „amerikanische Hupfer“ zu hören und eine Rockband zu gründen: Emil Vescoli (Keyboard, Bass), Erich Debiasi (Gitarre) und Arnaldo Zanol (Schlagzeug). Bald stießen Claudio Mutinelli (Gitarre, Schlagwerk) sowie der Neumarktner Walter Casatta (Bass) hinzu. „Anonym“ war geboren. Die Band orientiere sich an Led Zeppelin, Pink Floyd und King Crimson, aber auch an Le Orme, Il Banco del Mutuo Soccorso oder Nomadi. In ihren selbstkomponierten Songs ging es um Freiheit, Liebe und Poesie. Ihre musikalischen Experimente standen im krassen Gegensatz zur damals bekanntesten Unterlandler Tanzmusikgruppe „Schloß Enn“, gegründet von Alfred Varesco, Hans Rizzolli und Otto Pfitscher. Dennoch war das Verhältnis freundschaftlich und als Emil den VW-Bus der Band zum Verkauf anbot, fand das beigefarbene Gefährt beim „Schloßennler“ Hans Rizzolli seinen neuen Besitzer, ohne dass dieser die Aufschrift „Anonym“ vom Auto entfernte. Darüber wundert sich Emil heute noch.

Emil mit Anonym-Bus 1974

Der Proberaum der jungen Aurer befand sich in der Traminerstraße, in der Nähe der ME-GA (im Dorfmund EOSAN genannt), die damals Fruchtsäfte und Marmeladen herstellte.[iv] Die Trennwand in der ehemaligen Waschküche der Familie Vescoli musste dem musikalischen Platzanspruch weichen – sie wurde natürlich eigenhändig herausgeschlagen. Mit viel Engagement bereiteten sich die Freunde auf die ersten Konzerte vor, bei denen in Meran, Kurtatsch oder Bozen emsig Kontakte zu anderen Jugendgruppen geknüpft wurden. Sehr aktiv waren die Traminerinnen und Traminer der „Action Admiral“, benannt nach dem schwarz-orangen Admiralschmetterling. Sie organisierten am 23. April 1973 im Pfarrheim ihres Dorfes ein Konzert, bei dem neben „Artificial Joy“, „Mad Company“ und „Tse Tse“ auch „Anonym“ auftraten. Zeitungsberichten zufolge kamen statt der erwarteten 200 mehr als 600 Zuschauer. Bei einem Konzert in Kaltern war der Saal sogar so voll, dass die Leute von außen durch die Fenster zugeschaut haben – bei einem Auftritt in Trient wurden „Anonym“ kaum von der Bühne gelassen. Dabei gingen die Fünf bei ihren Auftritten immer leer aus, nur einmal machten sie einen Reingewinn von 24.000 Lire. Es ging ihnen einzig darum, Musik zu machen und gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

So ernst wie die Musik nahm die Band auch die eigene Haarpracht. Im Briefwechsel – Emil verbrachte seine Oberschulzeit in Meran im Heim, aber auch andere Freundschaften wurden über die Dorfgrenzen hinaus auf diese Weise gepflegt – ging es des Öfteren um die aktuelle Länge der eigenen Koteletten, sodass die berühmt berüchtigte Aufforderung zum Frisörbesuch seitens der Erwachsenen nicht lange auf sich warten ließ. Dennoch standen die Eltern der „Anonymler“ dem Treiben ihrer Söhne mit Wohlwollen gegenüber. Walter erinnert sich, dass seine Mutter sogar bei einem Konzert dabei war, um anschließend wohl auch etwas ironisch zu meinen, dass ihr die andere Band besser gefallen habe. Aber nicht alle waren begeistert über die dorfeigenen Krawallmacher.

„Anonym“ waren suspekt, obwohl ihre Musik nicht gezielt politisch sein wollte.

Aber in den 1970er-Jahren war eine zweisprachige Rockband an sich schon ein Statement, schließlich waren es die Zeiten von Anton Zelgers „Je klarer wir trennen, umso besser verstehen wir uns“.[v] Als einige Bandmitglieder eine unabhängige Jugendgruppe auf die Beine stellen wollten und diesbezüglich in der Gemeindestube vorsprachen, ernteten sie nur ein: „Es gibt ja die Sportvereine, die Musikkapelle und die Schützen, was will man mehr?“. Noch heute erinnern sie sich daran, dass ihnen der damalige Bürgermeister Karl Waldthaler zwar seine Unterstützung anbot, aber nur unter der Bedingung, dass der Jugendtreff einzig deutschsprachigen Jugendlichen vorbehalten sei. Dabei war die Aurer Politik um einiges aufgeschlossener als dieser Vorfall vermuten lässt, denn schon seit 1960 saß mit Mario Girardi sogar ein Vertreter des Partito Comunista Italiano im Gemeinderat. 1974 wurde er von Giorgio Felisatti abgelöst, 1985 sollte dann Claudio erstmals gemeinsam mit ihm in den Gemeinderat gewählt werden.[vi]     

Auf Mehrsprachigkeit wurde bei „Anonym“ großer Wert gelegt, bei der Herkunft der Mitglieder, bei den Liedtexten, aber auch was die verschiedenen Ausdrucksformen der Kunst betraf. So wurde der Freundeskreis in Form einer alternativen Theatergruppe integriert, die aus Flavia und Manuela Matteazzi, Giuly Fioravanzo, Mary Bonometti, Dany Lavarini und Maurizio Olivotto bestand. Bei den Konzerten wurden dem Publikum nun, begleitend zur Musik, Pantomime-Einlagen geboten. 

Je umfangreicher aber die Musik-Theater-Gruppe wurde, umso mehr häuften sich die Hindernisse. Einige hatten berufliche Verpflichtungen, andere verließen Südtirol zum Studieren, die Erwartungen und Geschmäcker in Sachen Musik veränderten sich. Die Theatergruppe löste sich Ende 1974 auf, auch Claudio und Arnaldo traten bald aus der Band aus. Einige Jahre später verließ Emil die Band, dafür stieß der Traminer Saxophonist Paul Dibiasi hinzu. In wechselnder Besetzung machten „Anonym“ bis in die 1990er-Jahre weiter. Walter und Erich treffen sich heute noch zum gemeinsamen Musizieren. War Auer jemals wirklich „wild“? Auf diese Frage reagieren die ehemaligen Bandmitglieder mit einem Schmunzeln. Das Publikum sei zum Teil wilder gewesen, als die Band selbst, das sagt zumindest Walter. Für Claudio ist das Ausschlaggebende hingegen nicht, wie wild man damals war, sondern dass alle „Anonymler“ bis heute einen Funken Wildheit beibehalten haben.   

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Fußnoten

[i] Birgit Eschgfäller, 1968. Südtirol in Bewegung, Edition Raetia, Bozen 2018, 50.

[ii] Siegfried Baur/Riccardo Dello Sbarba (eds.), Alexander Langer. Aufsätze zu Südtirol/Scritti sul Sudtirolo 1978-1995, Edizioni alphabeta Verlag, Meran 1996, 240.

[iii] Gottfried Solderer (ed.), Das 20. Jahrhundert in Südtirol, vol. 4, Edition Raetia, Bozen 1999, 128.

[iv] Helmut Zelger, Auer im Südtiroler Unterland, Verschönerungsverein Auer, Auer 2006, 53.

[v] Leopold Steurer, Aspekte des Südtirolproblems 1945-1985, „Politische Bildung“, 8 (1986), 2, 131-139, 135.

[vi] Ein herzliches Dankeschön an Martine Mittermair vom Gemeindearchiv Auer für die Informationen bzgl. der Wahlergebnisse des PCI.

Bibliografie

Baur, Siegfried/Dello Sbarba, Riccardo (eds.), Alexander Langer. Aufsätze zu Südtirol/Scritti sul Sudtirolo 1978-1995, Edizioni alphabeta Verlag, Meran 1996.

Carollo, Agostino, Il Rock in Trentino Alto Adige. La storia ed il panorama attuale in un’analisi a 360 gradi, Ritmi Urbani, Rovereto 1993.

Eschgfäller, Birgit, 1968. Südtirol in Bewegung, Edition Raetia, Bozen 2018.

Gatterer, Claus, Aufsätze und Reden, Edition Raetia, Bozen 1991.

Gatterer, Joachim, „rote milben im gefieder“. Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol, Studienverlag, Innsbruck 2009.

Heiss, Hans, Bewegte Gesellschaft: Südtirol 1968, „Geschichte und Region/Storia e regione“, 7 (1998), 1/2, 57-100.

Solderer, Gottfried (ed.), Das 20. Jahrhundert in Südtirol, vol. 4, Edition Raetia, Bozen 1999.

Steininger, Rolf, Südtirol im 20. Jahrhundert: vom Leben und Überleben einer Minderheit, Studienverlag, Innsbruck 2004.

Steurer, Leopold, Aspekte des Südtirolproblems 1945-1985, „Politische Bildung“, 8 (1986), 2, 131-139.

Zelger, Helmut, Auer im Südtiroler Unterland, Verschönerungsverein Auer, Auer 2006.

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